Aus der lateinischen Fachsprache zur deutschen Mystik.
Der lange Weg der Suffixe -ung und -heit.

Klaus von Heusinger & Sabine von Heusinger

Endgültige Version erschien in: K. Adamzik & J. Niederhauser 1999. Wissenschaftssprache und Umgangssprache. Frankfurt: Lang, 59-79. (Germanistische Arbeiten zu Sprache und Kulturgeschichte 38)

Hildegard, Volmar und Richardis (Detail), Liber Divinorum Operum, um 1220/30, Lucca, Biblioteca Statale, Cod. 1942


Inhalt

  1. Einleitung
  2. Sprache der Mystik
  3. Deutsche Mystik und lateinische Theologie
  4. Wege vom Kirchenlatein zum Predigtdeutsch
  5. Abstraktsuffixe im Deutschen
  6. Vom Fachlatein zum Fachdeutsch
  7. Eine Quantitative Analyse des religiösen Wortschatzes
  8. Zusammenfassung
    Zitierte Literatur

Einleitung

Der Sprache der Mystik im Mittelalter wird bei der Bildung von neuen deutschen Wörtern, besonders im Bereich der Abstrakta, eine zentrale Rolle zugewiesen. Bisher wurde davon ausgegangen, daß die Mystik in ihrem Bestreben, religiöse Inhalte und religiöses Erleben in der Volkssprache auszudrücken, in ihrer Ablehnung von Fremdwörtern und ihrem Bedürfnis, über das Gegenständliche hinauszugehen, viele genuin deutsche Wörter kreativ geschaffen habe. Diese seien dann als „Bildungswörter" in den Allgemeinwortschatz übergegangen, wie z.B. begreifen, bilden, einleuchten, Eindruck, Einfluß, Empfänglichkeit, Erleuchtung, Geistigkeit, Vereinigung usw. Ferner seien so viele neue Abstrakta auf -ung und -heit gebildet worden, daß diese Bildungen bis heute zu den produktivsten Ableitungen von Abstrakta gehören. Bei dieser Beschreibung wird jedoch die Einbettung der deutschen Mystik in die geistesgeschichtliche Tradition des Mittelalters außer acht gelassen, deren Inhalte fast ausschließlich in der Bildungssprache Latein überliefert worden sind. Außerdem wird übersehen, daß das Deutsche in dem seit Jahrhunderten andauernden Kontakt mit Latein sehr viel tiefgreifender geprägt und verändert wurde, als dies die Anzahl von Fremd- oder Lehnwörtern widerspiegeln könnte. Deshalb soll der Einfluß des Lateins an dem Gebrauch von Abstraktsuffixen exemplarisch aufgezeigt werden: Während die althochdeutschen Übersetzer noch recht unsystematisch die vorhandenen Abstraktsuffixe zu Bildung neuer Wörter benutzten, wurde ihr Gebrauch in der Folgezeit systematisiert. So entsprechen die mittelhochdeutschen Bildungen auf -ung(e) den lateinischen auf -(at)io und diejenigen auf -heit entsprechen -tas. Das Latein des religiösen Diskurses hat über das Deutsch der Predigt und die Sprache der Mystik einen systematischen Einfluß auf die Organisation deutscher Abstraktsuffixe ausgeübt, der noch heute bei Neubildungen wirksam ist.

Die Untersuchung ist wie folgt aufgebaut: In Abschnitt 2 wird die häufig vertretene These dargestellt, die deutsche Mystik habe in ihrem kreativen Sprachgebrauch viele neue Abstraktbildungen geschaffen. Damit habe sie wesentlich zur Selbständigkeit des Deutschen beigetragen. Die folgenden beiden Abschnitte führen aus, daß diese simplifizierende Sicht die historischen und sprachlichen Gegebenheiten verfälscht. So wird in Abschnitt 3 die enge Verflechtung zwischen deutscher Mystik und lateinischer Theologie aufgezeigt. Die Mystiker hatten, wie das Beipiel von Meister Eckhart belegt, in der Regel eine hervorragende theologische Ausbildung an Ordensstudien oder Universitäten erhalten. Die Mystikerinnen wurden dagegen von ihren hochgebildeten Beichtvätern oder „Sekretären" in theologischen Fragen unter-wiesen, die gleichzeitig dafür Sorge trugen, daß die Frauen durch ihre Äuße-rungen nicht unter Häresieverdacht geraten konnten. In Abschnitt 4 wird der linguistische Hintergrund für den lang andauernden Sprachkontakt zwischen Latein und Deutsch aufgearbeitet. Dabei wird besonders auf die unterschiedlichen Arten von Lehngut und dessen Einteilung eingegangen. Abschnitt 5 gibt eine kurze Übersicht über den Bestand von Abstraktsuffixen im Deutschen vom Althochdeutschen bis zum Neuhochdeutschen. Der systematische Einfluß lateinischer Abstraktsuffixe auf das deutsche System wird in Abschnitt 6 vorgestellt. Abschnitt 7 analysiert schließlich ein Korpus von 465 lateinisch-deutschen Paaren in bezug auf die Abhängigkeit der mittelhochdeutschen Bildungen von den lateinischen Vorlagen. Dabei wird die oben erwähnte Korrelation zwischen lat. -(at)io und dt. -ung sowie lat. -tas und dt. -heit quantitativ belegt.


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Letzte Änderung: 4.11.99