Einleitung
Kategorialgrammatiken haben eine lange Tradition in Philosophie und Linguistik, die in ihrer starken semantischen Motivation begruendet liegt, was jedoch gleichzeitig zu einer vehementen Ablehnung dieser Grammatiken gefuehrt hat. Denn - so wird argumentiert - in einem solchen Formalismus koennen nicht rein syntaktische Phaenomene dargestellt werden. In der vorliegenden Arbeit wird dieser heftig diskutierte Aspekt nicht behandelt, sondern es wird gezeigt, dass mit Hilfe einer kategorialgrammatischen Analyse‚Klammerungsparadoxe elegant beschrieben werden koennen. Als Klammerungsparadoxe bezeichnet man grammatische Konstruktionen, bei denen die morphologische oder syntaktische Struktur der Ausdruecke nicht mit deren semantischer Komposition uebereinstimmt. Sie stellen somit ein Problem fuer das semantisch wichtige Prinzip der Kompositionalitaet dar, nach dem die Bedeutung eines komplexen Ausdrucks aus den Bedeutungen seiner Teile gebildet werden kann. Ferner spannen Klammerungsparadoxe einen Bogen von der Morphologie bis zur Syntax und stellen eine scharfe Abgrenzung der Bereiche voneinander in Frage.
Die Fragwuerdigkeit einer eindeutig definierten Morphologie-Syntax-Grenze soll an den komplexen tuerkischen Relativsatzkonstruktionen illustriert werden. So wird von dem einfachen Satz (1) ausgehend der Relativsatz in (2) gebildet, indem der Verbstamm bekle mit dem Partizipialsuffix -dig und dem Possessivsuffix -i modifiziert wird, waehrend das Subjekt des Satzes in (1) als Genitiv kardeh-im-in das Partizip bekle-dig-i in (2) modifiziert:
(1) kardeh-im misafir-i bekli-yor
Bruder-mein Gast-akk erwarten-prog
Mein Bruder erwartet den Gast'
(2) kardeh-im-in bekle-dig-i misafir
Bruder-mein-gen erwarten-Part.-pos Gast
das-Warten-meines-Bruders-Gast' = Gast, den mein Bruder erwartet
'
Auf der einen Seite bildet das Suffix -dig ein Partizip, das nach allgemeinen Regeln des Tuerkischen attributiv verwendet wird, d.h. es modifiziert das Kopfnomen misafir. Auf der anderen Seite verweist das Possessivsuffix -i auf den Genitiv kardeh-im-in, der das Subjekt des Relativsatzes ist. Damit liegt in dieser Konstruktion ein doppeltes Klammerungsparadox vor: Das Partizipialsuffix weist ueber das Possessivsuffix auf das Kopfnomen misafir hinaus, waehrend sich das Possessivsuffix ueber das Partizipialsuffix zurueck auf den Genitiv bezieht: [1 kardeh-im-in bekle-[2 dig-i]1 misafir]2. Diese komplexen funktionellen Verhaeltnisse lassen sich nur dann erklaeren, wenn man die Morphologie-Syntax-Grenze durchlaessiger macht, als das in ueblichen syntaktischen Theorien der Fall ist. Hier soll gezeigt werden, dass eine kategorialgrammatische Beschreibung gerade in diesem Grenzbereich neue Einsichten erbringt. So kann die tuerkische Relativsatzkonstruktion auf allgemeinere syntaktische und morphologische Regeln des Tuerkischen zurueckgefuehrt werden.
Die vorliegende Arbeit ist folgendermasen aufgebaut: In Abschnitt 2 wird ein kurzer Abriss der Kategorialgrammatiken in der linguistischen Theoriebildung gegeben. Es wird zunaechst der Grundgedanke von Kategorialgrammatiken an dem klassischen Formalismus von Ajdukiewicz eingefuehrt und an einfachen Beispielen motiviert. Anschliessend werden die verallgemeinerten Kategorialgrammatiken und ihre zusaetzlichen Regeln behandelt, auf deren Grundlage dann die Klammerungsparadoxe diskutiert werden. In Abschnitt 3 werden einige grundlegende Konstruktionen des Tuerkischen diskutiert, die fuer die Analyse der Relativsatzkonstruktionen entscheidend sind: Nominal- und Genitivkonstruktionen sowie Partizipialbildungen. Tuerkische Nomina koennen weitgehend sowohl substantivisch als auch attributiv oder praedikativ gebraucht werden. Die tuerkische Genitivkonstruktion oder definite Izafet-Konstruktion zeichnet sich durch Kongruenz zwischen modifizierendem Genitiv und modifiziertem Kopfnomen aus. Partizipialkonstruktionen und Nominalisierungen spielen im Tuerkischen eine grosse Rolle, da sie anstelle von subordinierten Nebensaetzen stehen. Die Beschreibung dieser drei grammatischen Konstruktionen ermoeglicht die Analyse tuerkischer Relativsaetze und der Relativisatzsuffixe in Abschnitt 4. Es kann gezeigt werden, dass die Erfassung der Funktion des Suffixes mit kategorialgrammatischen Mitteln nicht nur das doppelte Klammerungsparadox erklaeren, sondern auch die lexikalisierte Bedeutung des Suffixes aufloesen kann. Die Analyse wird abschliessend auf die von Lewis (1967) so genannte‚bahibozuk‘ (‚entzweiter Kopf‘) Konstruktion angewendet. In dieser Relativsatzkonstruktion bezieht sich das Kopfnomen auf den Genitiv einer Konstituente des Relativsatzes, nach dem Muster der Mann, dessen Sohn gross ist.